Weimarer Republik


Weimarer Republik
Wei|ma|rer Re|pu|b|lik [auch, österr. nur: …'blɪk], die; - - [nach dem ersten Tagungsort der verfassunggebenden Nationalversammlung]:
Bez. für die von 1919 bis 1933 dauernde Epoche der deutschen Geschichte, in der im Deutschen Reich eine republikanische Verfassung in Kraft war, bzw. für den deutschen Staat in dieser Epoche.

* * *

Weimarer Republik,
 
das Deutsche Reich in seiner durch die Weimarer Reichsverfassung von 1919 bestimmten Staats- und Regierungs-Form, eine demokratisch-parlamentarische und föderative Republik; zugleich Bezeichnung für eine Periode der deutschen Geschichte (1919-33), benannt nach dem ersten Tagungsort der verfassunggebenden deutschen (Weimarer) Nationalversammlung.
 
 
Das Deutsche Reich umfasste zur Zeit der Weimarer Republik in den Grenzen des Versailler Vertrages - ohne das Saargebiet - (1925) 469 000 km2 mit 64,4 Mio. Einwohnern. Nach der Ausrufung der Republik zu Beginn der Novemberrevolution (9. 11. 1918 und der verfassungspolitischen Entscheidung gegen die Einführung eines Rätesystems erhielt das Deutsche Reich mit der am 31. 7. 1919 von Reichspräsident F. Ebert (1919-25) unterzeichneten Verfassung ein demokratisch-parlamentarisches Regierungssystem In enger Verbindung mit der gesellschaftlichen Neuordnung, der von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs Deutschland auferlegten Reparationsleistungen und der fortschreitenden Inflation (Höhepunkt: November 1923) sah sich der demokratische Staat bedroht von divergierenden politischen Kräften: monarchistisch-nationalistische, regionalistische und internationalistisch-sozialrevolutionäre Strömungen (erste große Krise: Kapp-Putsch 1920). Auseinandersetzungen zwischen der Reichsregierung und den Ländern kulminierten 1923 in dem Konflikt zwischen dem Reich und den Ländern Sachsen und Bayern (Reichsexekution). Die französische Deutschlandspolitik verschärfte diese Situation (Besetzung des Ruhrgebietes, 1923). Mit der Währungsreform (1923; Rentenmark) und dem Versuch, die Reparationsfrage zu lösen (Dawesplan, 1924), setzte eine Phase wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung und politischer Beruhigung ein, begleitet von einer deutsch-französischen Ausgleichspolitik (Locarnoverträge, 1925; Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, 1926; G. Stresemann). Nach Ausbruch (1929) der Weltwirtschaftskrise, die neben den USA Deutschland mit am stärksten traf, verband sich die wirtschaftlich-soziale Krise 1932 mit einer politischen Krise, die im Zeichen politischer Radikalisierung zum Aufstieg des Nationalsozialismus unter A. Hitler führte.
 
Begünstigt wurde der Zerfall der Weimarer Republik durch die auf das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten (P. von Hindenburg) gestützten Reichsregierungen ab 1930, die unter H. Brüning, F. von Papen und K. von Schleicher immer stärkere autoritäre Züge entwickelten und eine fortschreitende Entparlamentarisierung bewirkten. Eine schwere Belastung für den Staat war die Tatsache, dass es den staatsbejahenden Kräften nicht gelungen war, das aus der Zeit der Monarchie überkommene Verwaltungs- und Rechtssystem, das zwar rechtsstaatlich verfasst, aber autoritärem Geist verhaftet war, zugunsten einer republikanischen und demokratischen Neuorientierung durchgreifend zu verändern. Die inneren Vorbehalte von weiten Teilen des Bürgertums, besonders der Beamtenschaft, der Justiz und des Militärs, das den Denkmustern und Ritualen der Monarchie verpflichtet blieb, trugen wesentlich dazu bei, dass die Weimarer Republik auf Dauer nicht jenen Grad innerer Stabilität erreichte, der es ihr erlaubt hätte, in der Krise der beginnenden 30er-Jahre den Angriffen ihrer Gegner zu widerstehen. Dieses gesellschaftsstrukturelle Defizit zeigte sich offenkundig in der Person des zweiten Reichspräsidenten (1925-34), des früheren Generalfeldmarschalls Hindenburg. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler (30. 1. 1933 durch Hindenburg und die Errichtung einer rassistisch-nationalistischen Diktatur zerstörte in Deutschland nicht allein ein demokratisches Verfassungssystem, sondern auch ein vielgestaltiges kulturelles Leben, dessen Kristallisationspunkt Berlin war.
 
 
Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs brach sich ein bereits in zeitkritischen Ideen der Vorkriegszeit wurzelndes neues Lebensgefühl Bahn, das sich besonders in Kunst, Wissenschaft und Technik zeigte und deshalb in kulturhistorischer Rückschau - im Kontrast zur politisch-sozialen Entwicklung - zur idealisierenden Zeit-Bezeichnung »Goldene Zwanziger (Jahre)« beziehungsweise Golden Twenties führte. Bezeichnend für diese Zeit ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Lebens- und Kunstformen (Expressionismus, Kubismus, Dadaismus, Symbolismus u. a.), die in einem entschiedenen Bekenntnis vieler Künstler und Schriftsteller zu einer Neuen Sachlichkeit mündete. Neue Medien (v. a. Film und Rundfunk) verstärkten die Entwicklung zu einer Massengesellschaft, deren Gefahren sich in der Krise der Weimarer Republik bereits zeigten. Theater und Film erlebten - künstlerisch gesehen - internationales Ansehen. Die Interessen der Jugend waren weit gespannt und organisatorisch vielgestaltig; der »Reichsausschuss deutscher Jugendverbände« (gegründet 1921; 5 Mio. Einzel-Mitglieder) vereinigte eine große Zahl von Jugendorganisationen (Jugendbewegung).
 
 
Dokumente und Quellen:
 
Akten der Reichskanzlei. W. R., hg. v. K. D. Erdmann, 14 Tle. (1968-90);
 
Akten zur dt. auswärtigen Politik. 1918-1945, hg. v. W. Bussmann, Serie A: 1918-1925, auf 14 Bde. ber. (1982 ff.),
 
Serie B: 1925-1933, 21 Bde. (1966-83);
 
Dt. Gesch. 1918-1933. Dokumente zur Innen- u. Außenpolitik, hg. v. W. Michalka u. a. (1992).
 Gesamtdarstellungen:
 
K. D. Bracher: Die Auflösung der W. R. (Neuausg. 1984);
 
Biograph. Lex. zur W. R., hg. v. W. Benz u. a. (1988);
 H. Mommsen: Die verspielte Freiheit (Neuausg. 1990);
 H. A. Winkler: Weimar 1918-1933. Die Gesch. der ersten dt. Demokratie (21994);
 P. Longerich: Dtl. 1918-1933. Die W. R. Hb. zur Gesch. (1995);
 E. Kolb: Die W. R. (41998);
 
Die W. R. 1918-1933. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, hg. v. K. D. Bracher u. a. (31998).
 Kultur:
 
F. Borinski u. W. Milch: Jugendbewegung. Die Gesch. der dt. Jugend 1896-1933 (21982);
 N. Husel: »Neues Bauen« 1918 bis 1933. Moderne Architektur in der W. R. (21985);
 
»Neue Erziehung«, »Neue Menschen«. Ansätze zur Erziehung u. Bildung in Dtl. zw. Kaiserreich u. Diktatur, hg. v. U. Herrmann (1987);
 P. Gay: Die Rep. der Außenseiter (a. d. Amerikan., Neuausg. 6.-7. Tsd. 1989);
 
Hb. der dt. Bildungsgesch., hg. v. C. Berg u. a., Bd. 5: 1918-1945. Die W. R. u. die natsoz. Diktatur, hg. v. D. Langewiesche u. a. (1989);
 J. Hermand u. F. Trommler: Die Kultur der W. R. (Neuausg. 6.-7. Tsd. 1989);
 
Lit. der W. R., hg. v. B. Weyergraf (1995).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Weimarer Republik: Deutschland bis 1933
 

Universal-Lexikon. 2012.

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